Kein Kakao im Osten

Ein Schulpraktikum in Lettland... wieso mach ich das eigentlich? - Keine Ahnung, ich mach es einfach!! Und in diesem wunderbaren pinken Blog werde ich in den nächsten Wochen meine Eindrücke und Erlebnisse niederschreiben und hoffe auf viele liebe und nette Mails von euch! Jule

Mittwoch, März 01, 2006

Monster

Gestern habe ich meine ersten drei Unterrichtsstunden gegeben, da mein Betreuungslehrer ja grad in Estland ist. Eigentlich nicht all zu schlimm... dachte ich zunaechst. Hoch motiviert, perfekt vorbereitet und puenktlich (ich weiss, ihr koennt mir das jetzt nicht so recht glauben, aber es stimmt!) bin ich dann also zu meinem Klassenraum marschiert und hab die davor wartenden Schueler gross und breit angegrinst. Doch als ich den Raum betrat, musste ich leider feststellen, dass er bereits belegt war! Scheisse. Mehr konnte ich in dem Moment auch nicht sagen und da ich ja so leicht Panik schiebe, koennt ihr euch jetzt vorstellen, in welcher Verfassung ich da vor der Tuer stand. Woher sollte ich denn jetzt bitte einen Raum bekommen und vor allem: wie sollte ich danach fragen? Panisch bin ich dann durch das Gebaeude gelatscht und hab eine der Deutschlehrerinnen gesucht, die mir dann auch irgendeinen Raum organisiert hat. Gelungener Einstieg. Aber egal, ich bin dann wieder ruhig geworden und hab mit dem Unterricht angefangen. Zunaechst hab ich die Anwesenheit ueberprueft und wie sollte es auch anders sein im Abschlussjahr: "Drei kommen spaeter, die muessen noch etwas fuer unseren Ball organisieren!" - Penner. In meiner Stunde!! Na gut. Ich hab dann meinen Superunterricht durchgezogen, den die Schueler allerdings (glaub ich) nicht ganz so super fanden. Ich hab denen naemlich verdammt viel zugemutet. Naja, als wir dann am Schluss den Text von "Nur ein Wort" auf Metaphern untersucht haben und das Lied gehoert haben, waren die Schueler doch wieder etwas interessierter. Das ist echt verdammt bloed, wenn die nichts verstehen und sich dazu noch alle auf Lettisch unterhalten, waehrend ich wie ein Depp daneben steh! Aber die Zwoelfer sind sonst eigentlich ganz nett und haben heute auch gut mitgearbeitet und sogar gesagt, ich haette ihnen die indirekte Rede besser erklaert, als ihr eigentlicher Lehrer und gefragt, ob ich ihnen das nicht bitte noch mal auf einen Merkzettel schreiben koenne. - Mit Vergnuegen. STRIKE!! Aber dann die Zehner. Ich hasse sie. Wirklich. Es sind die bescheuertsten Jugendlichen, die die Welt je gesehen hat. Ein Penner in der Klasse spricht vielleicht zwei Worte Deutsch und hat nur gestoert. Ich hab ihn dann relativ freundlich gebeten, doch nicht mehr Musik zu hoeren und stattdessen einfach seine Fresse zu halten und von mir aus aus dem Fenster zu schauen. Aber der kleine Bloedmann hat dann die ganze Zeit Lettisch gesprochen (und das in einer Lautstaerke!) und mich weitestgehend ignoriert. Ok, du legst dich mit mir an? Bitteschoen! Aber dir ist schon bewusst, wer hier am laengeren Hebel sitzt und wer dir eine Einschaetzung geben darf? Hah! Ich weiss gar nicht, wie ich diese Doppelstunde vorhin ueberlebt habe ohne zu schreien oder irgendwen vor die Tuer zu setzen (das darf ich naemlich leider nicht machen... aber ich haette es sooooooo gern getan!). Und spaetestens da ist mir entgueltig klar geworden: ich will Lehrerin sein! Ich will die Macht!!! Naja, zum Glueck ist das Unterrichten dieser schrecklichen Klasse (die anderen haben sich geschminkt und kaum mitgemacht) vorbei und ich ueberlasse sie naechste Woche mit Vergnuegen wieder Herrn Hartung. Naechste Woche habe ich eh viel zu tun: ich werde den Unterricht in zwei elften Klassen uebernehmen (diesmal mit den lettischen Lehrerinnen im Hintergrund, sodass die gar nicht erst in Versuchung kommen koennen, mich auf Lettisch zuzutexten) und muss dafuer morgen verdammt viel vorbereiten. Die Themen sind "Umweltverschmutzung" und "Rauchen" und dazu soll ich gute Textbeispiele finden und dann daraus Aufgaben basteln. Aber glaubt es mir, oder lasst es: ich mutiere grad voll zur Streberin. Ich bin zwar erst seit einer Woche da, hab aber schon so viel lernen und vorbereiten muessen, wie noch nie zuvor. Und das sogar freiwillig. Der Hammer! Hoffentlich halt ich das bis zum Ende des Studiums durch und werde der Ulb mal oefter einen Besuch abstatten.

Naja, aber genug von der Schule. Das Maedchen, das eigentlich zu mir aufs Zimmer ziehen sollte, ist zwar offiziell dort, aber inoffiziell wohnt sie bei ihrem Freund im Stockwerk unter mir. Soll mir nur recht sein, denn jetzt hab ich das Zimmer immer noch fuer mich alleine und zahle nur die Haelfte! Grossartig. Die von der Rezeption im Wohnheim sind uebrigens total suess; die eine textet mich immer auf Russisch zu, obwohl sie genau weiss, dass ich nichts versteh, aber sie versucht immer wieder mit mir irgendwie ins Gespraech zu kommen. Sie bringt mir sogar extra den Duschschluessel (Atslaga dusa), wenn er mal nicht da sein sollte, aufs Zimmer und freut sich dabei total. Marius, einer der Erasmusstudenten, ist da schon total eifersuechtig auf mich, weil sie ihn staendig ignoriert und ihm nie seinen Schluessel gibt;-). Und Dominik, auch ein Erasmusstudent, hat mir gestern erzaehlt, dass die ganz aufgeregt gewesen ist, als sie gehoert hat, dass eine Studentin aus Deutschland kommt und dass ein Paerchen extra aus dem Zimmer, in dem ich jetzt wohne, ausziehen musste, damit sie es so schoen wie eben moeglich fuer mich machen konnten. Das hat mich doch echt beruehrt und daher nehm ich auch die anfaengliche Beschreibung meiner Unterkunft (zumindest teilweise> die sanitaeren Anlagen sind ja immer noch zum Kotzen) hiermit offiziell zurueck. Nachher geh ich mit den Jungs aus dem Wohnheim zum Fussballgucken (ich will nicht die ganze Zeit allein in meinem Zimmer hocken... und wenn die schon fragen...vielleicht lern ich ja noch was dazu fuer das Deutschseminar und natuerlich die WM!) und danach gehen wir in die Disko, es ist ja schliesslich Mittwoch und morgen hab ich frei. Wahrscheinlich gehts wieder in diese Drogenhoelle, aber jetzt weiss ich ja Bescheid und werd mich hueten etwas anderes als Flaschenbier zu trinken!

Ein paar Negativerfahrungen, die ich leider in der letzten Woche machen musste zum Schluss;
-In Riga hat man hinter uns Naziparolen hergerufen und uns "freundlich" gegruesst.
-Auf die Frage nach den groessten deutschen Schriftstellern/Werken habe ich als erste Antwort tatsaechlich "Adolf Hitler"/"Mein Kampf", statt "Goethe"/"Faust" erhalten.

Traurig.

6 Comments:

  • At 10:05 nachm., Blogger Patrick said…

    Traurig, ja - aber nicht unrealistisch. In der Türkei bahnte sich Hitlers "Mein Kampf" im letzten Jahr auch fast zu einem Bestseller an.

    Ich hoffe für dich, dass deine Streberei sich auch auf Schnitzel-Wegräumen etc. pp. überträgt. Das fänden Meike und ich ganz toll. :)

    LG vom Patti

     
  • At 2:46 nachm., Anonymous silvi said…

    Hi Jule!
    Ich hab immer gedacht,dass wir unverschämt gewesen sind, aber zu diesen abgehobenen Spacken mit ihren Mobiltelefonen, der Schminke und der offensichtlichen Respektlosigkeit kann ich kaum was sagen. Das hört sich einfach zu heftig an!Aber du hast das bestimmt trotzdem großartig gemacht.Ich weiß ja,dass du unter Stress gut arbeiten kannst:-) An dieser Stelle lieben Gruß an Samia.. Bei mir gibts nix neues,außer das ich wegen Latein ( Mo ist mein Leben vorbei)einfach nur fertig bin. Drück mir bitte die Daumen ( sofern dich das nicht am Streberdasein hindert). Ach nochwas, du hattest dich für den Mi,den 23. nicht zum Arbeiten eingetragen.
    gruß und kuss
    silvi

     
  • At 3:00 nachm., Anonymous Anonym said…

    Äh, gut zu wissen das deine Erklärfähigkeiten das normale Maß übersteigen. Wenn du wieder hier bist darfst du mir dann auch nochmal die "indirekte Rede" erklären.:-)
    Nick

     
  • At 3:01 nachm., Anonymous Anonym said…

    PS: Das war jetzt ehrlich nicht zweideutig gemeint.
    Lg, Nick

     
  • At 9:53 vorm., Anonymous Anonym said…

    Hallo Jule,
    nachdem mir meine Praktikantin einen Nachhilfekurs im Übermitteln einer Nachricht gegeben hat, schaffe ich es endlich auch Dir zu schreiben. –„Trotz alledem und alledem“- Harte Sache, dass diese Tendenzen immer in Zeiten des Wandels oder Wirtschaftskrisen aufflammen. Bleibt uns nur die Hoffnung, dass es immer genug Menschen gibt die in Krisensituationen aufstehen um Unrecht nicht zu zulassen.
    Bis bald, ich freue mich auf die nächsten Berichte,
    Pa.

     
  • At 12:17 nachm., Anonymous Anonym said…

    Hi Jule!
    Ich beglückwünsche dich zu deinem Unterricht.Zum Thema "Ich will die Macht" kann ich sagen-ich hab bei meinem Praktikum Schüler vor die Tür gesetzt-ein großartiges Gefühl:-)Hier in Münster gibts nichts Neues-geh nun mal noch ein paar Dinge für heute Abend einkaufen,die Seiten der Hausarbeit wollen sich nicht wirklich füllen...Naja, dann machs mal weiterhin gut,lehr schön,feier gut und genieß die Zeit.Bis bald...Lg Julia

     

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